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Die eigene Schreibstimme

Texte wirken nicht nur durch stilistische Perfektion. Es gibt auch die unverwechselbare Stimme des Autors, der Autorin. Sie kann oft besonders inspirieren und die Herzen der Leser erreichen.

denkanstoß schreibfitness: die eigene schreibstimme als pdf-Datei lesen

Kürzlich hörte ich auf einer Rednerkonferenz den eindringlichen Hinweis eines Speakers: „Don’t copy!“

Wie beim Reden, so beim Schreiben
Und dieser Redner lebte offensichtlich das, was er sagte: Sein Vortragsstil war … nun, ich sage mal: ungewöhnlich: Manchmal sprach er holprig und suchte immer wieder nach Worten, er pausierte fast zu lange, er redete zwischendurch mit geschlossenen Augen. All das wirkte auf uns im Publikum schockierend … intensiv. Wir warteten auf jedes nächste Wort. Hinterher waren alle begeistert. –Wer authentisch spricht, kann sich alle möglichen rhetorischen Schwächen erlauben. Warum sollte es beim Schreiben anders sein?

Leserresonanz: Was Lesende inspiriert
Leserinspiration und Leserresonanz entstehen nicht in erster Linie durch perfekt formulierte Sätze, sondern durch das Unverwechselbare, das aus den Sätzen hervorscheint. Das ist die eigene Schreibstimme. Wenn Sie mit eigener Schreibstimme formulieren, lassen Sie sich von Ihrer inneren Sprache leiten. Das erfordert Mut, denn Sie müssen zu den Eigenheiten Ihrer Sprache und damit zu sich stehen. Dafür vermitteln die entstehenden Texte Kraft und Individualität, regen das Denken der Lesenden an und ermöglichen ihnen den Kontakt zum Autor. „Voice“ nennt der amerikanische Schreibdidaktiker Peter Elbow diesen Ansatz.

Vorschläge für die eigene Schreibstimme
Die eigene Schreibstimme ist allerdings nicht einfach da. Sie können Sie hervorlocken und kultivieren. Dazu ein paar Vorschläge:

  • Schreiben Sie, wie Sie Sprechen: Stellen sie sich vor – bevor Sie schreiben oder beim Schreiben –, Sie würden Ihren Lesern etwas erzählen. Mündlich und mit einem realen Gegenüber.
  • Richten Sie die Aufmerksamkeit auf die Denkwege in Ihrem Kopf – und nicht auf das, was auf dem Papier oder auf dem Bildschirm erscheint. Am besten, Sie lesen gar nicht am Bildschirm mit.
  • Im Denk- und Schreibfluss bleiben: Hier gilt dieselbe Regel wie fürs Rohtexten der Erstfassung: Bleiben Sie im Fluss Ihrer Gedanken und verschieben Sie alle Überarbeitungstätigkeiten auf später.
  • Schreibdenken Sie regelmäßig, um Ihre innere Sprache ungestört zu erkunden. Das heißt: Schreiben Sie drauflos, einzig mit dem  Ziel, weiterzudenken.
  • Zum eigenen Stil stehen: Vielleicht müssen Sie sich zu Beginn etwas überwinden, wenn Ihre eigene Schreibstimme sich mehr und mehr ausbildet. Feedback von anderen hilft.

Fazit:
Die eigene Schreibstimme ist das Element, mit dem Sie Ihre Leser fesseln, inspirieren und begeistern.

2 thoughts on “Denkanstoß ’schreiben‘: die eigene schreibstimme”

  1. Vielen Dank für diesen Denkanstoß.
    Ich fand ihn sehr inspirierend.
    Ich denke, das ist auch der Grund, warum manche wissenschaftlichen Texte nur schwer verständlich und teilweise nicht nachvollziehbar sind. Weil man eben oft nicht so schreibt, wie man denkt bzw. wie man spricht. Dadurch kann der Leser den Gedankengängen des Autors nur schwer folgen. Während man schreibt korrigiert man schon. Man will eine noch bessere, treffendere Formulierung finden und „verschlimmbessert“ dadurch nur den Text.
    Meiner Meinung nach könnte die Vorstellung eines realen Gegenübers dabei helfen, so zu schreiben, als würde man sprechen; als würde man eine Geschichte erzählen, die man selber erst entdecken muss. Und nicht schon den fertigen Gedanken oder eine „zu Ende gedachte Geschichte“ erzählt.
    Ich werde mich anhalten, dies selbst beim nächsten Mal umzusetzen.

    Dankeschön für diesen Gedanken. 😉
    Nathalie Freitag

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