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„Rrrrtsch.“ Kleines Geräusch, große Wirkung in der dicken, leidvollen Stille, die im Wartezimmer hängt. Drei Köpfe fahren zu mir rum, aber ich bin schneller. Schon ist der Rand der Zeitschriftenseite abgerissen und in die Tasche gestopft. Ich gucke unauffällig. Keiner hat’s gesehen, nur gehört. Obwohl es voll ist beim Zahnarzt und jeder auf Ablenkungen lauert.

Später klaube ich mein bekritzeltes Zettelchen aus der Tasche: Ach ja, das war dieser interessante Gedanke. Gut, dass er noch da ist. Jetzt schnell reingetippt in die Datei an der richtigen Stelle. Ja, hier passt das, und: Dieser Gedanke ergänzt perfekt den vorherigen, oder? Egal. Später prüfen, jetzt nur schreiben. Alles hier ist noch vorläufig. Mein Text wächst.

Ränder von Zeitungsseiten eignen sich hervorragend. Haftnotizen auch. Ebenso die Rückseiten von Supermarkt-Kassenbons. Notizen-Apps. Sprachmemo-Apps. Gut sind auch die quadratischen Zettel vom Abreißblock im Küchenregal. Fix zur Hand beim Frühstückmachen. Gedanke drauf, Teelöffel drüber, damit nichts wegfliegt. Teelöffel runter, hoch ins Büro, ran an den Computer, rein in die Datei und so weiter. Siehe oben.

Es gibt eine trickreiche, wenngleich simple Strategie für das Arbeiten mit Schaffensfreude. Einen Arbeitsmodus, der hervorgequältes in leichthändig schmetterlingsartiges Tätigsein transformiert: Den Nebenbei-Modus. Er ist eine der wichtigsten Grundhaltungen für produktives Schaffen, nicht nur fürs Schreiben. Und der bekritzelte Zettel ist vor allem ein Symbol für dieses „Nebenbei“. Man könnte ebenso in eine wohlformatierte Datei tippen, in ein ledergebundenes Notizbuch schreiben, ins Smartphone diktieren. Das Entscheidende ist das vorläufige Arbeiten.

Ich kenne viel zu viele Menschen – und das sind nicht nur Schreibcoaching-Klienten – denen der bewertungsfreie Raum davongeschrumpft ist, weil Perfektionismus und Selbstoptimierung ihre Kreativität erstickt haben. Ob nun beim Schreiben oder bei anderen Schaffensprozessen – beim kreativen Denken, beim Reden, Skizzieren, Programmieren, Bauen, Tüfteln: Wenn wir allen Ballast der Bedeutsamkeit abwerfen, werden wir frei und jung genug, um ganz nebenbei unser Bestes hervorzubringen.Watch Full Movie Online Streaming Online and Download

Der Nebenbei-Modus könnte ungefähr so gehen:
– Eine Vision für das eigene Projekt kreieren und das fertige Werk vorausdenken – Werkdenken.
– Dann aussteigen aus dem Zielkorridor. Absichtslos werden.
– Einen bewertungs- und druckfreien Schaffensraum einrichten. Frei von Leistungsdruck, Zeitdruck, Kritik. Frei von Ablenkungen, Multitasking, Surfen.
– Und dann: Nur lässiges TUN. Keine Nebengedanken, höchstens solche: „Mal sehen, was draus wird.“
– Später dann: Wieder einsteigen ins ergebnisorientierte Denken.
– Nun erst bewerten.

Absichtsloses Tätigsein im Nebenbei-Modus: So entstehen häufig die wichtigsten Dinge. Die wirklich frischen Gedanken. Die umfassenden und vielseitigen. Die ganz eigenen.

Auf welchem Zettelchen landet Ihr wichtiger Nebenbei-Gedanke?

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